Diamante

Über Nacht hatte sich das Wetter eingetrübt und der Wind dem Meer Leben eingehaucht.

Noch in Scalea deckten wir uns beim Bauer an der Straße mit Obst ein. Danach entschlossen wir uns spontan zu einer kleine Schleife durchs Hinterland. Die Ortschaften, die sich an den Bergrücken entlang hangelten übten auf uns eine magische Anziehungskraft aus. Auf der SP11 gelangten wir nach Maiera, das förmlich am Fels zu kleben schien. Über schmale Nebensträßchen ging es wieder zurück auf die Hauptroute.

Um die Mittagszeit erreichten wir Diamante, eines der schmucken Seebäder an der Costa dei Cedri.

Die Stadt ist bekannt für den Peperoncino aber auch für ihre Wandgemälde. Die Tradition der Murales geht hier auf das Jahr 1981 zurück. Damals lud der Maler Nani Razetti mehr als 80 Künstler aus aller Welt nach Diamante ein. Mit Motiven aus dem Leben der kalabrischen Bevölkerung sollte das historische Stadtzentrum aufgewertet werden.

Leider sind zahlreiche der alten Fresken bereits stark verwittert und sollten dringend restauriert werden, denn sie sind mehr als gewöhnliche Graffiti. In ihrer reduzierten Farbigkeit und ihrem besonderen Stil fügen sie sich optimal in die Fassaden der Altstadt ein.

Immer wieder kamen weitere Wandgemälde dazu, die inzwischen weit über die Altstadt hinaus die Hauswände zieren.

Am späten Nachmittag erreichten wir unseren Campingplatz am Capo Vaticano. Das letzte Bild zeigt den überwältigenden Ausblick von unserem Camper auf die Insel Stromboli, deren Vulkankegel sich im Gegenlicht der Abendsonne aus dem Dunst des Tages schälte. Der Wunsch, auch einen Ausbruch beobachten zu können, erfüllte sich leider nicht. Lediglich die Rauchwolken, die immer wieder aus dem Krater aufstiegen, erinnerten daran, dass der Stromboli ein ständig aktiver Vulkan ist.

Orgosolo

Tag 14 auf Sardinien

Orgosolo ist zu allererst ein typisch sardisches Bergdorf.

Dennoch sticht es aus der Menge aller anderen sardischen Bergdörfer deshalb hervor, weil das „Wutbürgertum“ hier besondere Formen des Widerstandes hervorgebracht hat. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts war hier das Banditentum so verwurzelt, dass Vittoria de Seta sich veranlasst sah, in seinem Film „Banditen von Orgosolo“ das harte Leben der Schafhirten und deren Misstrauen gegenüber der Regierung schonungslos zu schildern.

Später verlegte man sich auf sozialverträglichere Formen des Widerstandes. In den 60er Jahren tauchten erstmals Wandgemälde mit politischen Inhalten auf. Diese „Murales“ machten Orgosolo über Italien hinaus berühmt. Zugleich setzte das Widerstandsnest damit einen Trend, der in vielen Ortschaften aufgegriffen wurde und sicherlich auch als ein Ursprung heutiger Graffitis verstanden werden kann.

Bereits vor dem Ortseingang wird man heute von Gemälden auf Felsen empfangen. Hier eine Frau in ortsüblicher Tracht mit Kind und – bitte nicht übersehen – Rosenkranz in der Hand.

Beim Gang durch Orgosolo, lassen sich die Murales grob in vier Kategorien einteilen: Der kleinste Teil zeigt den Alltag der einfachen Leute. Ein größerer Teil kanalisiert die Wut und Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ihrer politischen Führung. Wieder andere greifen aktuelle Ängste und Probleme auf und der überwiegende Teil befasst sich mit politischen Themen, die in ihrer Aufmachung häufig einem Lehrbuch linksideologischer Propaganda entstammen könnten.

In Orgosolo findet sich offensichtlich für jedes Thema ein Künstler, sogar für die RAF.

Es ist kaum zu glauben, doch auch dies gibt es in Orgosolo noch. Oder handelt es sich hier um die Vorbereitung eines neuen Wandgemäldes?

Eines jedenfalls ist sicher, einen Besuch in Orgosolo sollte man bei einer Sardinienreise unbedingt einplanen.