Die echten Höhlenwohnungen von Matera

Die heutigen Höhlenwohnungen unterhalb der Altstadt von Matera, die berühmten Sassi, haben in ihrem Innern mit den Höhlenwohnungen von einst nicht mehr viel gemein. Doch es gibt sie noch, die traditionell genutzten Wohnhöhlen ohne viel Schnickschnack. Sie liegen in den Felswänden der Schluchten außerhalb des unmittelbaren Stadtgebiets.

Um zu diesen authentisch genutzten Höhlenwohnungen zu gelangen, muss man entweder von der Altstadt zum Torrente Gravina absteigen und dem lohnenswerten Weg über die Ponte Tibetano zum Belvedere Murgia Timone folgen oder man wählt die bequemere Variante: Verlässt man Matera auf der SS7 in Richtung Tarent, passiert man den Campingstellplatz Matera auf der linken Seite. Bald darauf bieten sich rechts Abstellmöglichkeiten für Fahrzeuge an. Kurz danach zweigt rechts ein schmales Sträßchen ab, die Stradale Belvedere, die sich auch gut für eine Bike-Tour eignet. Über diesen Weg erschließen sich Grundstücke mit Wohnhöhlen, die auch heute noch authentisch genutzt werden. Das ist dann nochmal eine andere Nummer, als Materas beworbene Sassi. Im weiteren Verlauf zweigt die Stradale Murgia Timone ab, die zum oben erwähnten Ausblick auf Matera führt.

Auf der Weiterfahrt nach Alberobello passierten wir auf der SP23 kurz vor deren Einmündung in die SS100 den Lost Place „Masseria del Duca de Martina“. Der Bauernhof des Herzogs von Martina, einem Adligen spanischer Herkunft, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Der herrschaftliche Landsitz gilt als ein bedeutendes Beispiel jener aristokratisch-ländlichen Architektur, die für die apulische Murgia-Region typisch ist.

Heute ist das Anwesen verlassen und einsturzgefährdet. Mit Spanngurten wird versucht, den völligen Zusammenbruch zu verhindern. Die gesamte Anlage ist eingezäunt und flächendeckend videoüberwacht, so dass man ins Innere des Gebäudekomplexes selbst besser nicht vordringt. Doch auch von außen bieten sich einige lohnenswerte Perspektiven.

Matera

Matera liegt eine Stunde Autofahrt von der Küste entfernt im Hinterland der Basilikata, dicht an der Grenze zu Apulien. Auch Matera verfügt über die „übliche“ Altstadt, doch das ist nicht der Grund, weshalb man diese Stadt besucht. Nach Matera kommt man wegen der Sassi. Das sind Höhlenwohnungen, deren Ursprung 9000 Jahre zurück reicht. Doch in Matera geht es nicht um einzelne Wohnhöhlen sondern um den größten zusammenhängenden Komplex von Höhlenwohnungen und Höhlenkirchen im gesamten Mittelmeerraum.

In den Berg, auf dem Matera liegt, haben sich zwei Flüsse tief in den Kalktuff eingeschnitten. Die Steil abfallenden Hänge und das weiche Gestein begünstigten die Ausformung von Höhlen. Diese wuchsen mit den Bedürfnissen der Bewohner, wurden durch Vorbauten erweitert, Terrassen und Treppen verbanden sie untereinander. So entstand im Laufe der Zeit eine Stadt im Fels, die Sassi von Matera, ein lebender Organismus.

Anfangs des 20. Jahrhunderts sollen die Wohnhöhlen noch den Bedürfnissen ihrer Bewohner entsprochen haben. Danach verschlechterte sich die Situation durch Überbevölkerung dramatisch. Menschen hausten dort unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammen mit Hühnern, Schweinen und anderen Haustieren. Diese unhaltbaren Zustände in Süditalien und in Matera im Besonderen machte Carlo Levi mit seinem Roman „Jesus kam nur bis Eboli“ weltbekannt. In seinem Bestseller, erschienen 1945 beschreibt Levi das Leben in der Basilikata. Dorthin war er 1935 nach Gründung einer antifaschistischen Organisation von den Nazis verbannt worden. Nach dem Roman wurde auch dessen Verfilmung von Francesco Rossi 1979 zum Welterfolg.

Das politische Italien reagierte. 1950 wurden die Sassi als „nationale Schande“ bezeichnet. Bereits 1952 konnten 15 000 Menschen in andere Stadtviertel umsiedeln. In den 80er Jahren änderte sich der Blick auf die Sassi erneut, sie wurden als kulturelles Erbe begriffen und 1993 unter den Schutz der UNESCO gestellt. Die Höhlenwohnungen wurden saniert. Matera zählte zu den ersten Städten Italiens, die eine Konzeption für den Tourismus erstellten. Heute kann man in den Sassis Kneipen besuchen, einkaufen, Ferienwohnungen mieten oder Hotelzimmer buchen. Der Tourismus ist zum einträglichen Geschäft geworden.

Unfassbar grün

Von den entlegenen Höhen der Sila fuhren wir in weitem Bogen über Cosenza, der dynamischen Hauptstadt Kalabriens, zurück an die ionische Küste. Im Gegensatz zum Industriezentrum Cosenza – dem Mailand Süditaliens, ist die Region entlang der Küste landwirtschaftlich geprägt. Auf dem Weg zu unserem nächsten Etappenziel, Matera, passierten wir die Gemeinde Scanzano Jonico. Dort entdeckten wir per Zufall die alte Hauptstraße des Ortes, die beidseits noch die typische Straßenbebauung aufweist.

Auf Sichtweite von Matera bezogen wir unser Quartier bei einem privaten, kleinen Stellplatzanbieter. Er hat seinen landwirtschaftlichen Betrieb Zug um Zug auf Tourismus umgestellt und dabei eine kleine Oase aufgebaut.

Auf dem Hügel oberhalb seines Anwesens markiert eine überdimensionale Bank einen Aussichtspunkt. Am frühen Morgen schnappte ich meine Kamera. Ich wollte festhalten, was uns schon seit vielen Tagen immer wieder aufs Neue begeistert hat: Süditalien ist grün! Die Basilikata ist grün! Natürlich hatten wir im Frühjahr kein dürres Land erwartet, aber so grün hatten wir es uns nicht einmal erträumen können.

Doch das Schauspiel dauert nicht lange. Innerhalb kurzer Zeit wird die Farbe über Gelb zu Braun umschlagen. Ein Grund mehr, diese Tage zu genießen.