Quo vadis bella Italia?

In dem kleinen Bergdörfchen Minucciano stolperte ich erstmals über diese Form der Traueranzeigen und Danksagungen.

Von da an entdeckten wir sie in jeder Ortschaft. Ob an Parkplätzen, Haltestellen oder öffentlichen Plätzen, überall sind solch großformatige, normierte Anschläge tapeziert und zeigen auf ihre Art die Vergänglichkeit auf, denn nicht selten sind sie nur noch rudimentär vorhanden.

Diese Traueranzeigen nehme ich zum Anlass, um selbst eine aufzugeben: Bella Italia, was hat man aus dir gemacht? Ja, ich gebe zu, ich mochte und mag ihn noch immer, den morbiden Charm, der in Italien seit ich es kenne fast überall präsent ist oder war. Doch heute habe ich den Eindruck: morbid – ja, Charm – oftmals Fehlanzeige. Der Verfall des Staates ist erschreckend vorangeschritten.

Um eines klarzustellen, ich liebe Italien, die freundlichen Menschen, die tollen Landschaften, das gute Essen und den vermeintlich ungezwungenen Lebensstil. Doch in großen Teilen des Landes scheinen die Menschen zunehmend damit beschäftigt zu sein, das Leben auch dort in Gang zu halten, wo der Staat als Ordnungsmacht versagt.

Einige Beispiele:

Die SS1 ist eine der drei Hauptverkehrsachsen Italiens in Richtung Süden. Sie verläuft von Livorno nach Rom. Diese Straße habe ich noch nie in einem ordentlichen Zustand angetroffen, doch gegenwärtig befindet sich die Straße in Auflösung. Jede graveld Road im Outback Australiens lässt sich besser befahren.

Schon immer hat man in Italien Bauwerke, die nicht mehr nutzbar waren, einfach stehen und verfallen lassen. Sie waren Steinbrüche für Neues. Heute ist dies auch bei der genutzten Infrastruktur durchgängig der Fall. Baustellen werden eingerichtet und bleiben über Jahre stehen ohne dass eine Hand gerührt wird. Angelieferte Materialien liegen herum und verrotten.

Müllsäcke bis hin zu Sperrmüll werden am Straßenrand und im Straßengraben aufgetürmt. Es ist kaum zu unterscheiden, ob es sich um eine offizielle Sammelstelle oder um eine wilde „Deponie“ handelt.

Bus Stop to Hell

Auf das absolute Negativbeispiel sind wir auf der Fahrt von Paestum ins Cilento gestoßen. Eine neue Straße durch die Bergwelt wurde über Kilometer fertig trassiert. In einem Taleinschnitt recken sich die Brückenpfeiler in den Himmel auf der Suche nach der Fahrbahn. Doch die Baustelle wurde offensichtlich bereits vor Jahren eingestellt. Wenige Kilometer weiter steht man dann auf der (einzigen) Küstenstraße vor einer Vollsperrung. Über die Hälfte der Straße ist ins Meer abgestürzt, aber auch das war nicht erst gestern! Die Absperrung ist jedoch so angeordnet, dass ein Fahrzeug gerade noch durchpasst und Fahrzeuge kommen jede Menge. Die einspurige Piste folgt den Verwerfungen des Rutsches entlang der Abbruchkante. Offensichtlich haben lokale Kräfte die größten Unebenheiten mit frischem Asphalt ausgeglichen, da mit einer Sanierung der Straße wohl nicht zu rechnen ist. Doch ohne diese Verbindung müssten die Bewohner einen Umweg von mindestens 30 km auf sich nehmen. Das entspricht hier nahezu einer Stunde Fahrzeit. So wird das Leben am Staat vorbei in Gang gehalten, denn man kann sich offensichtlich nicht mehr darauf verlassen, dass dieser das Nötige für seine Bürger tut.

Am Strand

Unser zweiter Kontakt mit der Riviera war nahe Cecina. Wir kamen an, kurz bevor die Italiener zum Wochenende den Strand „stürmten“. Das ist jetzt etwas übertrieben, denn der Platz war auch dann kaum zur Hälfte belegt. Aber offensichtlich nutzten viele das erste schöne Wochenende für einen Aufenthalt am Meer.

Für uns jedenfalls war es eine willkommene Reiseunterbrechung. Nur wenige Meter zu Strand und Meer war genau das, was wir jetzt brauchten. Morgens einen Espresso und ein Chroissant con Marmelada in der Bar und der Tag war gerettet.

Der alte, baufällige Bootsanleger war das fotografische Highlight am Strand. Offensichtlich handelt es sich um ein Relikt aus den Kriegsjahren. Das „Denkmal“ zerfällt ohne dass jemand auch nur einen Finger rührt. Selbst die Absperrungen, um die sich in Italien eh niemand kümmert, sind Jahrzehnte alt und völlig zerflettert. Ein Anblick mit weitreichender Symbolkraft.

Apuanische Alpen

Als wir anderntags die Fahrt hinab ins Serchiatal (der sogenannten Garfagnana) fortsetzten, entdeckten wir ganze Hänge mit wilden Narzissen, Affrodill und anderen Wildblumen.

Im Bergdorf Barga machten wir Mittag. Die Altstadt, deren enge, steile Gassen sich den Berg hinaufquälen, wird vom Dom San Cristoforo überragt. Dieser wurde noch vor 1000 n. Chr. im romanisch-lombardischen Stil erbaut und ähnelt eher einer Festung, denn einer Kirche. Besonders interessant sind die Reliefs und Skulpturen über dem Eingang.

Weiter in Richtung Lucca erreicht man die Ortschaft Borgo a Mozzano. Die Brücke, mit bürgerlichem Namen Ponto della Maddalena, überspannt hier seit dem 14. Jahrhundert den Fluss.

Die steinerne Brücke ist als „Teufelsbrücke“ in die Literatur eingegangen, denn der soll sie, nach der örtlichen Sage, in einer Nacht erbaut haben. Unter den gegebenen Bedingungen gab es leider kein Spiegelbild abzulichten. Doch auch so ist diese alte Steinbrücken mehr als beeindruckend. Toll, was so ein Teufel alles kann.

Noch ein Hinweis: Die Akazien standen gerade in voller Blüte und durchsetzten mit ihrem chremefarbenen Schaum die Hangwälder.

Venzone

Das mittelalterliche Venzone (Friaul) liegt direkt an der Einfallsroute zur nördlichen Adria und wird dennoch wenig beachtet. In mehrerlei Hinsicht ist dieser Ort aber etwas ganz besonderes. Venzone

  • ist Mitglied in der Vereinigung „Schönste Orte Italiens“.
  • ist das einzige befestigte Dorf Friauls aus dem 14. Jahrhundert und gilt als außergewöhnliches Beispiel einer gelungenen architektonischen und künstlerischen Restaurierung. Deshalb wurde der Ort 1965 zum nationalen Denkmal erklärt.
  • wurde 1976 durch ein schweres Erdbeben stark beschädigt und die Altstadt durch ein Nachbeben fast vollständig zerstört.
  • wurde von seinen Bewohnern originalgetreu wieder aufgebaut. Die Bewohner setzten sich dabei gegen ihre Stadtverwaltung durch, die einen Neubau der Stadt anstrebte.

Ein Rundgang durch das Dorf vermittelt die großartige Leistung ihrer Bürger. Das obere Bild zeigt den Blick von der Freitreppe des Rathauses auf den Hauptplatz. Weitere Eindrücke: Innenhof, Rathaus, Palazzo Radiussi, umlaufende Stadtmauer, Blick über die Stadtmauer auf den Dom.

Doch hat man nicht alles wieder aufgebaut. So hat man die Überreste der Kirche des Hl. Giovanni Battista als Mahnmal bewusst stehengelassen.

Doch ist Venzone kein Museum. Hier leben reale Menschen. Als ich beim Schlendern durch die Gassen durch eine halboffene Tür blickte, entdeckte ich eine ältere Dame beim Herstellen von Tortellini. Ich durfte sie bei der Arbeit fotografieren aber die Küche dabei verständlicherweise nicht betreten. Auch den Bewohner mit seinen farbenfrohen Socken zeige ich gerne, obwohl er mir auf die Schnelle etwas verwackelt ist.

Besonders eindrücklich zeigen sich die Gassen im harten Licht der mittäglichen Sonne bei einer Schwarzweiß-Entwicklung.

Das letzte Bild, die Porta San Genesio (1309), ist das einzige Stadttor, das die Jahrhunderte und alle Erdbeben unbeschadet überstanden hat. Dagegen ist die Werbung vor den Toren der Stadt bereits nach einem Jahr verschlissen.

Der schiefe Turm von P

Auch Prato im Pesarina Tal verfügt über einen schiefen Turm, dessen Fundament sich über Jahrhunderte einseitig gesetzt hat. Das verheerende Erdbeben von 1976 hat dazu ebenfalls beigetragen. Inzwischen ist das Fundament gesichert und der Kirchturm kann die Besucher weiterhin in Schieflage am Ortseingang begrüßen.

Talwärts schweift der Blick über den Friedhof nach Avausa. Talaufwärts gelangt man in den Ortsteil Osais. Hier lohnt sich unbedingt die Besichtigung der Kirche San Leonardo, die mit uralten Fresken aufwartet.

Die schmalen Straßen sorgen dafür, dass es im Tal gemächlich zugeht.

Pesariis, Dorf der Uhren

Pesariis und die wenigen anderen Orte im Val Pesarina zählen zu den schönsten Ortschaften Karniens. Und das hat seinen Grund, denn seit Jahrhunderten hat sich dort die Handwerkskunst der Metallverarbeitung entwickelt. Die daraus resultierenden Handelsverbindungen in die damaligen Zentren der Uhrenproduktion in Süddeutschland brachten das Know-how des Uhrmacherhandwerks nach Pesariis. Dort führte die Uhrenproduktion ab dem frühen 18. Jahrhundert zu wachsendem Wohlstand. Dies zeigt sich noch heute in der vorhandenen Bausubstanz. Anders als in den Bergbauerndörfern formen in Pesariis mehrstöckige Steinhäuser ein geschlossenes „Stadtbild“.

Auch Pesariis durchlebte mehrere Krisen und Auswanderungswellen. Die Rückkehrer waren es, die mit ihrem mitgebrachten Wissen dem heimischen Handwerk immer wieder neue Impulse gaben. Doch war auch im Val Pesarina die Landflucht nicht zu stoppen. Während Pesariis in den 1950er-Jahren noch rund 1000 Seelen zählte, sind es heute gerade einmal 178 vorwiegend ältere Menschen. Doch die Verbliebenen und neu Hinzugezogenen, putzen ihre Häuser heraus ohne dabei die Tradition zu vergessen.

Mit welcher Kreativität man in Pesariis Uhren entwickelt hat, zeigt sich beim Rundgang durch das Dorf. Seit die Gemeindeverwaltung im Jahr 2000 ein Projekt zur Errichtung großer Uhren ausgelobt hat, sind im Gemeindegebiet unter freiem Himmel 15 Uhren entstanden, die allesamt unterschiedlichste Mechanismen aufweisen. Pesariis erwarb sich so den Beinahmen „Dorf der Uhren“.

Die Funktionsweise der einzelnen Uhren ist jeweils auf einer Tafel beschrieben, doch würde es den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wenn ich dies hier ausführen wollte. Es geht einfach um die Vielfalt und Kuriosität. Für weitere Informationen siehe 1 und 2.

Beeindruckt hat mich auch eine ganz andere Kunstform. Mit Matten aus dem Baustoffhandel wurden an den Fassaden große Figuren dargestellt.

Und Gott sei Dank gibt es den auch noch! Ohne diesen Krämerladen wäre es im Dorf schwierig.

Karnien und der Reiseführer

Reisewarnung! Das ist kein Beitrag für Überflieger. Die blättern besser schnell weiter.

Karnien? Noch nie gehört!

Kein Wunder, denn an der im Nordwesten von Friaul (Italien) liegenden Region, gehen und gingen die in Richtung Adria eilenden Touristenströme glücklicherweise vorbei. So konnte sich in den entlegenen Tälern der schroffen Bergwelt eine Ursprünglichkeit bewahren, wie man sie sonst nur selten findet.

Natürlich herrscht auch hier Landflucht vor. Häuser stehen leer. Aber es gibt auch immer wieder Zuzug. Menschen, die kommen, um die alten Steinhäuser mit viel Fingerspitzengefühl zu renovieren.

Bei der Vorbereitung auf diese Reise stieß ich in meinem Bücherregal auf einen Reiseführer, den ich bereits vor Jahrzehnten gekauft hatte. Aus der Reihe „Richtig reisen“: Friaul.Triest.Venetien von Eva Bakos. 4. Auflage, Köln 1989. Warum ich das erzähle? Weil ich gar nicht mehr wusste, dass es einmal derart geniale Reiseführer gegeben hat. Nicht diese normierten, seelenlosen „Datenblätter“ von heute, wo eins dem anderen gleicht. Hier der Beginn eines Kapitels als Kostprobe:

„Karnien – Die Würde der Armut“

„Das ist eine fremde Welt. Streng und reserviert. Spartanisch und von einer Schönheit, die sehr nachdenklich macht. Karnien, …, bewahrt noch immer das Geheimnis seiner Symbiose von Mensch und Natur. Wohl gibt es Plätze, wo der Wintersport die Landschaft verwundet, die Häuser verdirbt. Aber noch überwiegen Mut und Demut des Menschen und nicht sein Übermut.

Karnien – das Wort beginnt karg und endet melodisch. Die Rauheit des Fels und die Wärme des Holzes sind in die Häuser dieser Region gekrochen. Von Menschen eingefangen, die im Sturm und in der Stille leben lernten, …“

Wo gibt es heute noch solche Reiseführer, die versuchen die Seele einer Region und der dort lebenden Menschen zu erfassen? Schade eigentlich.

Die Bilder wurden alle in Pesariis aufgenommen.

Von Südtirol nach Karnien

Vom Pragser Wildsee wählten wir die Route über Toblach, Sexten und den Kreuzbergpass nach Santo Stefano di Cadore. Am Kreuzbergpass fotografierte ich diese Sumpfdotterblumen, deren Bewuchs einen kleinen Bachlauf ausufernd begleiteten.

S. Stefano di Cadore liegt bereits in Venetien. Bei meinem kurzen Rundgang durch die 2000-Seelen-Gemeinde fiel mir gleich ein typisch italienisches Merkmale ins Auge, das nicht nur städtebaulich zum Tragen kommt. So befinden sich die Kirche und das Rathaus in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft am vergleichsweise großen Marktplatz. Auf den zweiten Blick ist nicht zu übersehen, dass wohl weder in der Kirchengemeinde noch bei der Kommune die Kassen prall gefüllt sind.

Beim ersten Hotel am Platze, dem Palazzo Cervesato, der der Kirche direkt gegenüber liegt, scheint es mit den Finanzen besser zu laufen. Die Fassade ist pikfein gerichtet und verweist auf die lange Tradition des Hauses. Voller Stolz erinnert ein großes Bildertableau an der Seitenfassade daran, dass die italienische Königin Regina Margherita von Savoyen in dieser Gaststätte abgestiegen ist, als sie 1881 S. Stefano d. C. besuchte. Noch heute kann man den „Queen Margherita Room“ buchen.

Doch im Städtchen überwiegen die profanen Bauten. Sie bringen zumindest Farbe in den ansonsten grauen Tag.

Von S. Stefano aus erschließen sich ostwärts die abgelegenen Täler der Karnischen Alpen. In vielen Ortschaften, wie hier in Cima Sappada, trifft man noch auf alte Bergbauernhöfe, die es wenigstens als Ferienhäuser in die Gegenwart geschafft haben. Auch alte Bräuche werden hier noch gepflegt.

Ob dies die Vorbereitungen zum Feuerlegen oder für eine Löschübung sind, lässt sich schwer sagen, aber der „Borgo“ wird´s schon richten.