Scilla

Auf der Weiterfahrt nach Süden eröffnete sich die Gelegenheit, endlich ein paar Aufnahmen vom beeindruckenden Riesenfenchel zu machen, einer Wildpflanze, die im gesamten Mittelmeerraum vorkommt.

Unser erstes Tagesziel war der Ort Scilla. Dieser hatte aus zwei Gründen unser Interesse geweckt. Zum einen hatten wir im Reiseführer gelesen, dass es hier noch klassischen Schwertfischfang mit der Harpune geben soll. Das wollten wir natürlich näher betrachten. Zum andern holte mich meine schulische Vergangenheit ein. Homers Odyssee war Pflichtlektüre. Da kommt man natürlich um Scylla und Charybdis, die die Durchfahrt durch die Straße von Messina bedrohten, nicht herum. Skylla, der selbst ein hartes Schicksal auferlegt war, fraß einige von Odysseus Mannen, bevor dieser das Ungeheuer töten konnte. Auf diese Sagengestalt geht also der Name der Ortschaft Scilla zurück. Deshalb wurde ihr an aussichtsreicher Stelle mit Blick auf die Straße von Messina ein Denkmal gesetzt.

Dass das als Klein Venedig umworbene, ehemalige Fischerviertel Chianalea in meinem Verständnis als Touristenfalle durchgeht, merkte ich spätestens, als sich am Parkplatz vor dem Stadtviertel die Touristenbusse die Plätze streitig machten und das zu dieser Jahreszeit (13.05.26). Ein schmales Sträßchen führt durch das Viertel bis zum Hafen.

Die ehemaligen Fischerhäuser bestehen aus einer Häuserzeile zwischen diesem Sträßchen und dem Meer. Die Häuser verfügten ursprünglich über einen Zugang von der Straßenseite und eine meerseitige Zufahrt für die Fischerboote. Heute befindet sich mindestens in jedem zweiten Haus eine Wirtschaft, in der man natürlich – Schwertfisch zum Essen bekommt. Wer diesen Fisch wo fängt, steht auf einem anderen Blatt. Jedes dieser Lokale verfügt über eine große Terrasse über dem Meer. Dort landen die Touristen aus den Bussen zum Mittagessen.

Auf den Rampen zwischen den Häusern, auf die früher die Fischerboote an Land gezogen wurden, liegen zur Dekoration bunt lackierte Boote, die heute allerdings keine weitere Verwendung mehr finden. Auch im Hafen muss man nach Fischerbooten suchen.

Ein historisches Boot für den Schwertfischfang ist am Hafen als Museumsstück aufgebaut. Der charakteristische Mast mit Ausguck, um den springenden Schwertfisch besser erkennen zu können, lässt einen schon beim Gedanken an Seegang schwindlig werden.

Ein einziges Boot lag im Hafen, das für den Schwertfischfang ausgerüstet war. Der Mast wesentlich höher als bei den historischen Nussschalen und der Aussichtskorb mit allen Hebeln ausgestattet, um von dort oben das Schiff steuern zu können.

Fazit: Die auch in neuesten Reiseführern beschriebene Idylle ist leider nur noch Fassade. Aus Sicht der Bewohner ist dies völlig verständlich, denn die Romantik selbst ernährt keinen. Touristen zu angeln ist eben ein einträglicheres und risikoärmeres Geschäft, als den Schwertfisch zu harpunieren.

Am Nachmittag passierten wir die Straße von Messina sowie die Stadt Reggio Calabria. Hinter dem südlichen Wendpunkt unserer Reise übernachteten wir in Ferruzzano Marina. Dort bietet die Gemeinde einen kostenlosen Stellplatz an, der nur durch die Uferpromenade vom Strand getrennt ist. Während wir bislang nur Sonnenuntergänge bestaunen konnten, begrüßte uns am anderen Morgen die über dem Ionischen Meer aufgehende Sonne.

Zusatz für Technikinteressierte: Auf dem Bild „Blick auf die Straße von Messina mit den „Piloni“ sind die unter Denkmalschutz stehenden 232 m hohen Strommasten (Piloni) zu erkennen, die zwischen 1955 und 1985 die Freileitungen trugen, die Sizilien vom Festland aus mit Strom versorgten. Die geringste Höhe der alten Freileitung über der Straße von Messina betrug 70 m und dies bei einer Spannweite von 3646 m. Dies erforderte eine Zugspannung von 608 N je mm². Das entspricht der Gewichtskraft einer mittelgroßen Person. Die Gesamtbelastung für den Seilquerschnitt einer Leitung entsprach damit der Gewichtskraft von rund 300 Personen. Ab 1985 wurde die Freileitung durch ein Seekabel ersetzt, da die Kapazität der alten Anlage nicht mehr ausreichte. Auch Malta wurde einbezogen. Für den Ausbau erneuerbarer Energie, ging 2016 der erste Abschnitt des Tyrrhenian Link in Betrieb, der im Endausbau auch Sizilien einbinden soll.

Capo Vaticano

Das Capo Vaticano bildet das südliche Ende der Costa dei Cedri. Die Namensgebung verweist nicht auf päpstlichen Landbesitz sondern geht vielmehr auf die griechische Besiedelung in der Antike zurück. Die Ursprüngliche Bezeichnung Capo dei Vaticinii, zu Deutsch Kap der Prophezeiungen, ist ein Hinweis auf ein Orakel, das von griechischen Seefahrern aufgesucht wurde.

Wir waren unterhalb des Kaps auf einem Campingplatz für ein paar Tage vor Anker gegangen und genossen jeden Tag den direkten Blick aufs Meer und die meist herausfordernde Brandung.

Die kleine „Wanderung“ hinauf zum Kap war dringend nötig, um die Knochen mal wieder in Bewegung zu bringen. Der Weg gewann schnell an Höhe und gab den Blick auf eine edle Hotelanlage in der Nachbarschaft frei.

Der Bergrücken hinaus zum Leuchtturm ist weitgehend mit neuen Ferienhäusern bebaut, die verdeutlichen, dass Geld keine Rolle spielt.

Dazwischen hat ein alter Bauer trotzig seinen Grundbesitz verteidigt und baut weiterhin Zwiebeln, Kartoffeln und Tomaten an. Auch er ist inzwischen in eine neuere Behausung umgezogen aber das alte Bauernhaus steht noch. Heute dient es als Taubenschlag, Hühnerstall, Hundehütte und Abstellmöglichkeit für alles, was sonst keinen Platz hätte. Der alte Bauer verstand meine Frage – mehr wildes Gestikulieren mit der Kamera, als ordentliche Sprache – mühelos und bedeutete mir mit einer großzügigen Handbewegung, dass ich fotografieren darf. Ich hätte schon gerne gewusst, was der sich dachte.

Der Leuchtturm am Kap ist militärisches Sperrgebiet, doch gleich nebenan befindet sich eine Aussichtsplattform und ein kleines Lokal, das alleine schon aufgrund seiner Lage, eine Empfehlung wert ist. Von dessen Terrasse hat man diesen herrlichen Ausblick entlang der Küste bis zur Straße von Messina im Süden. Direkt gegenüber liegen die Äolischen Inseln mit dem Stromboli. In der Hauptsaison wird da ohne Reservierung sicher nichts gehen.

Diamante

Über Nacht hatte sich das Wetter eingetrübt und der Wind dem Meer Leben eingehaucht.

Noch in Scalea deckten wir uns beim Bauer an der Straße mit Obst ein. Danach entschlossen wir uns spontan zu einer kleine Schleife durchs Hinterland. Die Ortschaften, die sich an den Bergrücken entlang hangelten übten auf uns eine magische Anziehungskraft aus. Auf der SP11 gelangten wir nach Maiera, das förmlich am Fels zu kleben schien. Über schmale Nebensträßchen ging es wieder zurück auf die Hauptroute.

Um die Mittagszeit erreichten wir Diamante, eines der schmucken Seebäder an der Costa dei Cedri.

Die Stadt ist bekannt für den Peperoncino aber auch für ihre Wandgemälde. Die Tradition der Murales geht hier auf das Jahr 1981 zurück. Damals lud der Maler Nani Razetti mehr als 80 Künstler aus aller Welt nach Diamante ein. Mit Motiven aus dem Leben der kalabrischen Bevölkerung sollte das historische Stadtzentrum aufgewertet werden.

Leider sind zahlreiche der alten Fresken bereits stark verwittert und sollten dringend restauriert werden, denn sie sind mehr als gewöhnliche Graffiti. In ihrer reduzierten Farbigkeit und ihrem besonderen Stil fügen sie sich optimal in die Fassaden der Altstadt ein.

Immer wieder kamen weitere Wandgemälde dazu, die inzwischen weit über die Altstadt hinaus die Hauswände zieren.

Am späten Nachmittag erreichten wir unseren Campingplatz am Capo Vaticano. Das letzte Bild zeigt den überwältigenden Ausblick von unserem Camper auf die Insel Stromboli, deren Vulkankegel sich im Gegenlicht der Abendsonne aus dem Dunst des Tages schälte. Der Wunsch, auch einen Ausbruch beobachten zu können, erfüllte sich leider nicht. Lediglich die Rauchwolken, die immer wieder aus dem Krater aufstiegen, erinnerten daran, dass der Stromboli ein ständig aktiver Vulkan ist.

Paestum

Blick auf Neptun-Tempel und Basilika

Paestum mit seinen fantastisch erhaltenen Tempelanlagen zählt zu den bedeutendsten antiken Relikten in Italien. Während die Tempel griechischen Ursprungs sind, gehen die Überreste der Stadt auf eine spätere, römische Phase zurück. Die gezeigten Bilder wurden bei zwei Besuchen des Ausgrabungsgeländes aufgenommen. Die erste Besichtigung erfolgte am Abend bei vollständig bedecktem Himmel und wenig Besuchern. Der zweite am anderen Morgen bei wechselnder Bewölkung aber zahlreichen Besuchern.

Der sogenannte Neptun-Tempel ist der jüngste der drei Gotteshäuser, die hier in der Zeit zwischen 560 bis 460 vor Christus im dorischen Stil erbaut wurden. Welche Gottheit in ihm tatsächlich verehrt wurde, ist allerdings ungeklärt. Der Travertin, das überwiegend eingesetzte Baumaterial, wurde wohl in der unmittelbaren Umgebung gebrochen. Der Neptun-Tempel verkörpert die dorische Ordnung in ihrer Vollendung und war deshalb Beispiel für neoklassische Architekten im 18. Jahrhundert. Die nachfolgenden Bilder geben einen exemplarischen Einblick.

Die beiden Bilder oben und unten zeigen die Basilika. Sie gilt als die älteste Tempelanlage in Paestum und ist der am besten erhaltene griechische Tempel aus jener Zeit.

Die drei Tempelanlagen sind die einzigen Überreste aus der Zeit der griechischen Besiedelung. Die griechische Wohnstadt wurde ab 273 v. Chr. von den Römern überbaut, die in Paestum eine Kolonie gründeten. Die römische Straße (Bild unten) zeigt eine der Hauptachsen, die das antike Paestum erschlossen.

Im Norden der Stadt, in leicht erhöhter Lage, überragt der Tempel der Athena das Stadtbild. Ein Besuch des antiken Paestum ist außerhalb der Saison und insbesondere unter der Woche sehr zu empfehlen. Wer mit dem Wohnmobil reist, hat mit dem Stellplatz beim archäologischen Park einen optimalen Ausgangspunkt.

Quo vadis bella Italia?

In dem kleinen Bergdörfchen Minucciano stolperte ich erstmals über diese Form der Traueranzeigen und Danksagungen.

Von da an entdeckten wir sie in jeder Ortschaft. Ob an Parkplätzen, Haltestellen oder öffentlichen Plätzen, überall sind solch großformatige, normierte Anschläge tapeziert und zeigen auf ihre Art die Vergänglichkeit auf, denn nicht selten sind sie nur noch rudimentär vorhanden.

Diese Traueranzeigen nehme ich zum Anlass, um selbst eine aufzugeben: Bella Italia, was hat man aus dir gemacht? Ja, ich gebe zu, ich mochte und mag ihn noch immer, den morbiden Charm, der in Italien seit ich es kenne fast überall präsent ist oder war. Doch heute habe ich den Eindruck: morbid – ja, Charm – oftmals Fehlanzeige. Der Verfall des Staates ist erschreckend vorangeschritten.

Um eines klarzustellen, ich liebe Italien, die freundlichen Menschen, die tollen Landschaften, das gute Essen und den vermeintlich ungezwungenen Lebensstil. Doch in großen Teilen des Landes scheinen die Menschen zunehmend damit beschäftigt zu sein, das Leben auch dort in Gang zu halten, wo der Staat als Ordnungsmacht versagt.

Einige Beispiele:

Die SS1 ist eine der drei Hauptverkehrsachsen Italiens in Richtung Süden. Sie verläuft von Livorno nach Rom. Diese Straße habe ich noch nie in einem ordentlichen Zustand angetroffen, doch gegenwärtig befindet sich die Straße in Auflösung. Jede graveld Road im Outback Australiens lässt sich besser befahren.

Schon immer hat man in Italien Bauwerke, die nicht mehr nutzbar waren, einfach stehen und verfallen lassen. Sie waren Steinbrüche für Neues. Heute ist dies auch bei der genutzten Infrastruktur durchgängig der Fall. Baustellen werden eingerichtet und bleiben über Jahre stehen ohne dass eine Hand gerührt wird. Angelieferte Materialien liegen herum und verrotten.

Müllsäcke bis hin zu Sperrmüll werden am Straßenrand und im Straßengraben aufgetürmt. Es ist kaum zu unterscheiden, ob es sich um eine offizielle Sammelstelle oder um eine wilde „Deponie“ handelt.

Bus Stop to Hell

Auf das absolute Negativbeispiel sind wir auf der Fahrt von Paestum ins Cilento gestoßen. Eine neue Straße durch die Bergwelt wurde über Kilometer fertig trassiert. In einem Taleinschnitt recken sich die Brückenpfeiler in den Himmel auf der Suche nach der Fahrbahn. Doch die Baustelle wurde offensichtlich bereits vor Jahren eingestellt. Wenige Kilometer weiter steht man dann auf der (einzigen) Küstenstraße vor einer Vollsperrung. Über die Hälfte der Straße ist ins Meer abgestürzt, aber auch das war nicht erst gestern! Die Absperrung ist jedoch so angeordnet, dass ein Fahrzeug gerade noch durchpasst und Fahrzeuge kommen jede Menge. Die einspurige Piste folgt den Verwerfungen des Rutsches entlang der Abbruchkante. Offensichtlich haben lokale Kräfte die größten Unebenheiten mit frischem Asphalt ausgeglichen, da mit einer Sanierung der Straße wohl nicht zu rechnen ist. Doch ohne diese Verbindung müssten die Bewohner einen Umweg von mindestens 30 km auf sich nehmen. Das entspricht hier nahezu einer Stunde Fahrzeit. So wird das Leben am Staat vorbei in Gang gehalten, denn man kann sich offensichtlich nicht mehr darauf verlassen, dass dieser das Nötige für seine Bürger tut.

Am Strand

Unser zweiter Kontakt mit der Riviera war nahe Cecina. Wir kamen an, kurz bevor die Italiener zum Wochenende den Strand „stürmten“. Das ist jetzt etwas übertrieben, denn der Platz war auch dann kaum zur Hälfte belegt. Aber offensichtlich nutzten viele das erste schöne Wochenende für einen Aufenthalt am Meer.

Für uns jedenfalls war es eine willkommene Reiseunterbrechung. Nur wenige Meter zu Strand und Meer war genau das, was wir jetzt brauchten. Morgens einen Espresso und ein Chroissant con Marmelada in der Bar und der Tag war gerettet.

Der alte, baufällige Bootsanleger war das fotografische Highlight am Strand. Offensichtlich handelt es sich um ein Relikt aus den Kriegsjahren. Das „Denkmal“ zerfällt ohne dass jemand auch nur einen Finger rührt. Selbst die Absperrungen, um die sich in Italien eh niemand kümmert, sind Jahrzehnte alt und völlig zerflettert. Ein Anblick mit weitreichender Symbolkraft.

Apuanische Alpen

Als wir anderntags die Fahrt hinab ins Serchiatal (der sogenannten Garfagnana) fortsetzten, entdeckten wir ganze Hänge mit wilden Narzissen, Affrodill und anderen Wildblumen.

Im Bergdorf Barga machten wir Mittag. Die Altstadt, deren enge, steile Gassen sich den Berg hinaufquälen, wird vom Dom San Cristoforo überragt. Dieser wurde noch vor 1000 n. Chr. im romanisch-lombardischen Stil erbaut und ähnelt eher einer Festung, denn einer Kirche. Besonders interessant sind die Reliefs und Skulpturen über dem Eingang.

Weiter in Richtung Lucca erreicht man die Ortschaft Borgo a Mozzano. Die Brücke, mit bürgerlichem Namen Ponto della Maddalena, überspannt hier seit dem 14. Jahrhundert den Fluss.

Die steinerne Brücke ist als „Teufelsbrücke“ in die Literatur eingegangen, denn der soll sie, nach der örtlichen Sage, in einer Nacht erbaut haben. Unter den gegebenen Bedingungen gab es leider kein Spiegelbild abzulichten. Doch auch so ist diese alte Steinbrücken mehr als beeindruckend. Toll, was so ein Teufel alles kann.

Noch ein Hinweis: Die Akazien standen gerade in voller Blüte und durchsetzten mit ihrem chremefarbenen Schaum die Hangwälder.

Oberschwaben

Inzwischen beginnen wir die Reisen mit unserem Camper sehr entspannt. Die erste Etappe wählen wir betont kurz. So ist das Tagesziel schnell erreicht und wir sind gleich im Reisemodus.

Diesmal gingen wir in Amtzell vor Anker. Im Landgasthof nebenan konnten wir auf der Terrasse im Sonnenschein, inmitten oberschwäbischer Idylle, das Abendessen genießen. Was will man mehr?