Gran Sasso Nationalpark

Bereits als wir tags zuvor auf der Fahrt nach Norden in Richtung Pescara das schneebedeckte Bergmassiv der „Magna d. Maiella“ aus der Ebene herauswachsen sahen, waren wir uns sicher, dass wir zur richtigen Zeit den Campo Imperatore im Nationalpark Gran Sasso erreichen würden.

Entlang der SS17 nach L Áquila passierten wir immer wieder Klatschmohnfelder, die weit über das Tal verstreut waren. Deren knallig, roten Blüten verschmolzen auf die Entfernung zu einem leuchtenden, wogenden Meer. Ein grandioses Farbspiel.

Die Straße von Barisciano hinauf zum Campo Imperatore, der größten Hochebene Europas, ist zwar kurvenreich aber gut zu fahren. Bei Ankunft auf der Passhöhe weitet sich der Blick über „klein Tibet“ – wie die Hochebene auch genannt wird – hinüber zum Corno Grande, dem mit 2912 m höchsten Berg des Apennin. An seiner Nordflanke befindet sich Italiens südlichster Gletscher. Es ist der einzige im gesamten Apennin.

Wir waren von Fülle und Vielfalt der blühenden Alpenflora vollkommen begeistert. Der Campo Imperatore gilt auch als Orchideenparadies. Zwischen 60 bis 70 Arten blühen dort über das Jahr verteilt.

Der Campo Imperatore liegt zwischen 1500 bis 2000 m Höhe und wird seit Menschengedenken als Sommerweide genutzt. Schafe, Rinder und Pferde sind hier frei laufend unterwegs. Als wir in der zweiten Maihälfte dort waren, trafen wir allerdings keine Weidetiere an. Zwei Wochen zuvor hatte es nochmals heftig geschneit und die letzten Schneereste lagen noch immer in der Landschaft.

Allerdings leben im Gran Sasso Nationalpark auch Braunbären und Wölfe. So stieß ich bei einer kleinen Wanderung auf das Skelett eines Rindes, dessen ausgeblichene Knochen schon aus der Ferne aufblitzten. Die Knochen waren in einem Umkreis von gut 300 m verteilt.

Hier der abendliche Blick vom Monte Cecco (1749 m) nach Südost. Im Widerschein des Abendrots glühten die Wolken und die schneebedeckten Berge der Magna d. Maiella in der Ferne auf. Ein erfüllter Tag ging zu Ende. In Gesellschaft zweier anderer Camper übernachteten wir auf der Passhöhe. In der Nacht kommt der Verkehr auf der Passstraße zum Erliegen, so dass wir die Ruhe und Abgeschiedenheit genießen konnten.

Gargano

Zwischen Manfredonia und Vieste gibt es zahlreiche Strände die zu einer Unterbrechung der Reise einladen. Wir wählten die Spiaggetta di Chianca Masielo für eine Mittagspause. Der kleine Parkplatz über den Buchten ist außerhalb der Saison ausreichend. Während der Saison wird man hier mit Platzproblemen rechnen müssen.

Da wir Vieste und die spektakuläre Steilküste aus Kreideformationen bereits vor Jahren besichtigt haben, entschieden wir uns, quer durch den Nationalpark nach Rodi Gargano zu fahren. Dort wollten wir nochmal einige Tage am Meer verbringen. Das schmale, einspurige Sträßchen überwindet von der Ortschaft Mattinata aus als kurvenreiche Piste die Südrampe des Gargano. Immer wieder eröffnen sich fantastische Ausblicke hinunter in die Ebene. Dort reichen die Olivenplantagen bis ans Meer.

Nach den ersten 500 Höhenmetern nimmt die Steigung ab. Über weite Strecken durchquert man Weideland. Die einzelnen Parzellen sind mit Steinmauern eingefasst. Nur selten kommt uns ein Fahrzeug entgegen. Dies bedeutet dann immer, dass jemand bis zur nächsten Ausweichstelle zurücksetzen muss. Mit einem „Lieferwagen“ ist das problemlos möglich, doch macht es durchaus Sinn, dass diese Strecke für Wohnmobile gesperrt ist.

Schließlich wird man von den dichten Buchenwäldern der Foresta Umbra verschluckt und erst vor Vico de Gargano wieder ausgespuckt. Von dort führen dann zahlreiche Kehren hinab zum Meer. Die Foresta Umbra ist ein Naturschutzgebiet im Kern des Nationalparks Gargano. Die Buchenwälder erinnern an unsere Wälder am Albtrauf, sind aber in diesen südlichen Regionen eine absolute Besonderheit. Das Waldgebiet zählt zu den ältesten Wäldern Italiens und ist von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Wir gingen am Lido Azzuro vor Anker, direkt am Meer. Wie meist, waren wir die einzigen, die sich in die kühlen, erfrischenden Wogen wagten. Aber viel Konkurrenz gab es eh nicht. Tolles Meer, leerer Strand, dünn belegter Stellplatz, was will man eigentlich mehr? Halt, da fällt mir doch glatt noch etwas ein: Frische Brötchen zum Frühstück. Das erledigte ein Bäcker aus dem Nachbarort. Der kam jeden Morgen auf den Platz. Einmal schaute auch ein Bauer vorbei. Der bot Oliven, Käse, eigene Orangen und natürlich Wein an. Das war Erholung pur.

Saline di Margherita di Savoia

Bei der Weiterfahrt in den Gargano entschieden wir uns nördlich von Barletta die SP141 zu wählen. Diese verläuft auf der schmalen Landbrücke zwischen der Adria und den ausgedehnten Salzmarschen der Saline di Margherita di Savoia. Seit der Antike wurde diese Region, damals noch Lagune, zur Salzgewinnung genutzt. Die Salzgewinnung in den heutigen Salzmarschen setzte sich bis in die 1980er Jahre fort. Danach führten effektivere Verfahren dazu, dass die angeblich größte Saline Europas, ihr Betriebsgelände auf den südlichen Teil der Salzmarschen einschränkte. Der größere, nördliche Teil wurde als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Wer sich für die Salzgewinnung interessiert, kann die Saline nach Voranmeldung besichtigen. Unser Interesse galt den Salzmarschen und den dort lebenden Flamingos. Der Wasserstand in den Salzmarschen wird über wenige, senkrecht zur Küstenlinie verlaufende Kanäle geregelt, die eine Verbindung zum Meer herstellen. Die Dämme dieser Kanäle bieten eine gute Möglichkeit, um in die Salzmarschen zu gelangen.

Schon nach wenigen Metern macht sich deutlicher Verwesungsgeruch bemerkbar. Da das Wasser auch in den Kanälen die meiste Zeit steht, sind Fische, die bei Hochwasser in die Kanäle gelangt sind, zum Sterben verurteilt. Ihnen geht irgendwann die Luft aus. In den Salzmarschen selbst, sind die üblichen Watvögel unterwegs. Die rosafarbenen Flamingos verteilen sich in größeren Ansammlungen über das gesamte Feuchtgebiet. Die Vögel sind jedoch sehr scheu und reagieren bereits auf große Entfernung mit Fluchttendenzen. Spektakuläre Fotos lassen sich somit im Vorbeigehen nicht machen.

Das letzte Bild zeigt eindrucksvoll, wie sich das Gebirge des Gargano wie eine Mauer aus der Ebene erhebt. Es bildet nach Süden eine mehrere hundert Meter hohe, steile Rampe. Die höchste Erhebung erreicht über 1000 m.

Die Trulli von Alberobello

Man trifft sie in ganz Apulien, die Trulli. Runde, mitunter vielgestaltige Steinhäuser mit kegelförmigem Dach aus flachen Kalksteinplatten.

In Alberobello stehen besonders viele dieser urtümlichen Bauwerke. Dort kam es im 17. Jahrhundert zu einem vermehrten Zuzug durch die Landbevölkerung. Diese löste die Wohnungsnot mit dem vorhandenen Baumaterial. So entstanden hier ganze Stadtviertel aus diesem Haustyp, der in Apulien ursprünglich nur als Behausung für Hirten und auf den Feldern üblich war. Spätestens seit die Trulli-Stadtviertel 1996 von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommen wurden, läuft der Tourismus in Alberobello heiß. In der Hauptreisezeit ist der Ort unbedingt zu meiden.

Das Stadtviertel „Rione Monti“ hat man besonders konsequent zur Touristenmeile umfunktioniert. Laden reiht sich hier an Laden und Kneipe an Kneipe. Völlig austauschbar, kaum authentische Nutzung. Doch die meisten Touris scheinen zufrieden und beschränken sich auf diesen feilgebotenen Bereich. Am Hügel gegenüber, auf dem die Neustadt steht, geht die touristische Nutzung schnell zurück. Hier trifft man neben Vermietungsobjekten auch noch Trullibereiche, die authentisch genutzt werden.

Wenn es Abend wird, ziehen die Tagestouristen ab, die Lage beruhigt sich.

Auf der breiten Talstraße, der „Largo Martellotta“, treffen sich nun Übernachtungsgäste und Einheimische. Die Kneipen sind gut besucht und nach der Musik, die aus den Bars dröhnt, tanzen Menschen auf der Straße. Man hat den Eindruck, alle feiern den Abzug der Tagestouristen, vielleicht aber auch nur den Feierabend.

Am anderen Morgen war ich fast alleine unterwegs. Müllmänner beseitigten die Reste vom Wochenende und die ersten pflichtbewussten Menschen strebten zum Arbeitsplatz. Nach und nach öffneten die ersten Bars, Zeit für einen Espresso und ein Cornetto con Marmelada. Jetzt konnte der Tag kommen.

Die echten Höhlenwohnungen von Matera

Die heutigen Höhlenwohnungen unterhalb der Altstadt von Matera, die berühmten Sassi, haben in ihrem Innern mit den Höhlenwohnungen von einst nicht mehr viel gemein. Doch es gibt sie noch, die traditionell genutzten Wohnhöhlen ohne viel Schnickschnack. Sie liegen in den Felswänden der Schluchten außerhalb des unmittelbaren Stadtgebiets.

Um zu diesen authentisch genutzten Höhlenwohnungen zu gelangen, muss man entweder von der Altstadt zum Torrente Gravina absteigen und dem lohnenswerten Weg über die Ponte Tibetano zum Belvedere Murgia Timone folgen oder man wählt die bequemere Variante: Verlässt man Matera auf der SS7 in Richtung Tarent, passiert man den Campingstellplatz Matera auf der linken Seite. Bald darauf bieten sich rechts Abstellmöglichkeiten für Fahrzeuge an. Kurz danach zweigt rechts ein schmales Sträßchen ab, die Stradale Belvedere, die sich auch gut für eine Bike-Tour eignet. Über diesen Weg erschließen sich Grundstücke mit Wohnhöhlen, die auch heute noch authentisch genutzt werden. Das ist dann nochmal eine andere Nummer, als Materas beworbene Sassi. Im weiteren Verlauf zweigt die Stradale Murgia Timone ab, die zum oben erwähnten Ausblick auf Matera führt.

Auf der Weiterfahrt nach Alberobello passierten wir auf der SP23 kurz vor deren Einmündung in die SS100 den Lost Place „Masseria del Duca de Martina“. Der Bauernhof des Herzogs von Martina, einem Adligen spanischer Herkunft, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Der herrschaftliche Landsitz gilt als ein bedeutendes Beispiel jener aristokratisch-ländlichen Architektur, die für die apulische Murgia-Region typisch ist.

Heute ist das Anwesen verlassen und einsturzgefährdet. Mit Spanngurten wird versucht, den völligen Zusammenbruch zu verhindern. Die gesamte Anlage ist eingezäunt und flächendeckend videoüberwacht, so dass man ins Innere des Gebäudekomplexes selbst besser nicht vordringt. Doch auch von außen bieten sich einige lohnenswerte Perspektiven.

Matera

Matera liegt eine Stunde Autofahrt von der Küste entfernt im Hinterland der Basilikata, dicht an der Grenze zu Apulien. Auch Matera verfügt über die „übliche“ Altstadt, doch das ist nicht der Grund, weshalb man diese Stadt besucht. Nach Matera kommt man wegen der Sassi. Das sind Höhlenwohnungen, deren Ursprung 9000 Jahre zurück reicht. Doch in Matera geht es nicht um einzelne Wohnhöhlen sondern um den größten zusammenhängenden Komplex von Höhlenwohnungen und Höhlenkirchen im gesamten Mittelmeerraum.

In den Berg, auf dem Matera liegt, haben sich zwei Flüsse tief in den Kalktuff eingeschnitten. Die Steil abfallenden Hänge und das weiche Gestein begünstigten die Ausformung von Höhlen. Diese wuchsen mit den Bedürfnissen der Bewohner, wurden durch Vorbauten erweitert, Terrassen und Treppen verbanden sie untereinander. So entstand im Laufe der Zeit eine Stadt im Fels, die Sassi von Matera, ein lebender Organismus.

Anfangs des 20. Jahrhunderts sollen die Wohnhöhlen noch den Bedürfnissen ihrer Bewohner entsprochen haben. Danach verschlechterte sich die Situation durch Überbevölkerung dramatisch. Menschen hausten dort unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammen mit Hühnern, Schweinen und anderen Haustieren. Diese unhaltbaren Zustände in Süditalien und in Matera im Besonderen machte Carlo Levi mit seinem Roman „Jesus kam nur bis Eboli“ weltbekannt. In seinem Bestseller, erschienen 1945 beschreibt Levi das Leben in der Basilikata. Dorthin war er 1935 nach Gründung einer antifaschistischen Organisation von den Nazis verbannt worden. Nach dem Roman wurde auch dessen Verfilmung von Francesco Rossi 1979 zum Welterfolg.

Das politische Italien reagierte. 1950 wurden die Sassi als „nationale Schande“ bezeichnet. Bereits 1952 konnten 15 000 Menschen in andere Stadtviertel umsiedeln. In den 80er Jahren änderte sich der Blick auf die Sassi erneut, sie wurden als kulturelles Erbe begriffen und 1993 unter den Schutz der UNESCO gestellt. Die Höhlenwohnungen wurden saniert. Matera zählte zu den ersten Städten Italiens, die eine Konzeption für den Tourismus erstellten. Heute kann man in den Sassis Kneipen besuchen, einkaufen, Ferienwohnungen mieten oder Hotelzimmer buchen. Der Tourismus ist zum einträglichen Geschäft geworden.

Unfassbar grün

Von den entlegenen Höhen der Sila fuhren wir in weitem Bogen über Cosenza, der dynamischen Hauptstadt Kalabriens, zurück an die ionische Küste. Im Gegensatz zum Industriezentrum Cosenza – dem Mailand Süditaliens, ist die Region entlang der Küste landwirtschaftlich geprägt. Auf dem Weg zu unserem nächsten Etappenziel, Matera, passierten wir die Gemeinde Scanzano Jonico. Dort entdeckten wir per Zufall die alte Hauptstraße des Ortes, die beidseits noch die typische Straßenbebauung aufweist.

Auf Sichtweite von Matera bezogen wir unser Quartier bei einem privaten, kleinen Stellplatzanbieter. Er hat seinen landwirtschaftlichen Betrieb Zug um Zug auf Tourismus umgestellt und dabei eine kleine Oase aufgebaut.

Auf dem Hügel oberhalb seines Anwesens markiert eine überdimensionale Bank einen Aussichtspunkt. Am frühen Morgen schnappte ich meine Kamera. Ich wollte festhalten, was uns schon seit vielen Tagen immer wieder aufs Neue begeistert hat: Süditalien ist grün! Die Basilikata ist grün! Natürlich hatten wir im Frühjahr kein dürres Land erwartet, aber so grün hatten wir es uns nicht einmal erträumen können.

Doch das Schauspiel dauert nicht lange. Innerhalb kurzer Zeit wird die Farbe über Gelb zu Braun umschlagen. Ein Grund mehr, diese Tage zu genießen.

Sila Nationalpark

Heute war Tapetenwechsel angesagt. Kalabrien verfügt über drei große Nationalparks, den Pollino, den Aspramonte und die Gebirgszüge der Sila. Wir entschieden uns für den Sila NP, der uns wegen seiner dichten und dunklen Bewaldung mitunter an den Schwarzwald erinnerte. Der höchste Berg erreicht hier knapp 2000 m. Unser Tagesziel war der Campingplatz am Lago Arvo auf rund 1300 m Höhe. Die Temperaturen erreichten hier stolze 14 Grad Celsius und fielen bei Nacht deutlich unter die 10 Grad Marke. La Sila ist das Gegenteil dessen, was man sich unter Süditalien vorstellt.

Wenn man bedenkt, dass ganz Süditalien einst derart bewaldet war, kommt Wehmut auf. Die Römer haben hier, wie im gesamten Mittelmeerraum, alles abgeholzt, um sich mit den notwendigen Ressourcen einzudecken. Nur in den unzugänglichsten Gebieten blieben die alten Wälder weitgehend erhalten. Die Folgen waren katastrophal. Doch machen wir es heute wirklich besser?

Bereits die Anfahrt war entschleunigend. Die Bergstraße, schmal und kurvenreich, trug das ihrige dazu bei. Die Abgeschiedenheit, Ruhe und Kühle war genial und das im tiefsten Süden Italiens.

Dazu kam die fantastische Flora, die immer wieder für eine Überraschung gut war. Wilde Osterglocken sind uns hin und wieder begegnet, aber in solchen Massen haben wir sie noch nirgends angetroffen.