S´Ozzastru

Tag 15 auf Sardinien

Von S´Ozzastru blickt man über die Ebene hinüber zu den Ausläufern des Supramonte.

Hier, im schön gelegenen Agriturismo S´Ozzastru waren wir tags zuvor bereits angekommen. Der Betrieb liegt zwischen Dorgali und Orosei und war damit für uns eine ideale Ausgangsbasis, um anderntags in Orosei die Bootsprozession mitzuerleben. Auf der Farm werden Pferde, Esel und Schafe gehalten.

Der Betrieb wurde gut geführt und das Essen war reell. Das Preis-Leistungs-Verhältnis rangierte am oberen Ende der Skala, es war also nicht gerade billig. Dies trifft zumindest für die Zeit zu, in der der Pool nicht genutzt werden kann. Der Bogen war für mich überspannt, als sie für die Entsorgung des Campers eine Gebühr von 10 € erheben wollten. Ein solcher Betrag ist auf Sardinien üblich, wenn man dies als gesonderte Dienstleistung in Anspruch nimmt, nicht aber bei zwei Übernachtungen. Offensichtlich schwimmt man hier auf der Agriturismo-Welle etwas zu gut und läuft Gefahr, preislich zu überziehen.

Orgosolo

Tag 14 auf Sardinien

Orgosolo ist zu allererst ein typisch sardisches Bergdorf.

Dennoch sticht es aus der Menge aller anderen sardischen Bergdörfer deshalb hervor, weil das „Wutbürgertum“ hier besondere Formen des Widerstandes hervorgebracht hat. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts war hier das Banditentum so verwurzelt, dass Vittoria de Seta sich veranlasst sah, in seinem Film „Banditen von Orgosolo“ das harte Leben der Schafhirten und deren Misstrauen gegenüber der Regierung schonungslos zu schildern.

Später verlegte man sich auf sozialverträglichere Formen des Widerstandes. In den 60er Jahren tauchten erstmals Wandgemälde mit politischen Inhalten auf. Diese „Murales“ machten Orgosolo über Italien hinaus berühmt. Zugleich setzte das Widerstandsnest damit einen Trend, der in vielen Ortschaften aufgegriffen wurde und sicherlich auch als ein Ursprung heutiger Graffitis verstanden werden kann.

Bereits vor dem Ortseingang wird man heute von Gemälden auf Felsen empfangen. Hier eine Frau in ortsüblicher Tracht mit Kind und – bitte nicht übersehen – Rosenkranz in der Hand.

Beim Gang durch Orgosolo, lassen sich die Murales grob in vier Kategorien einteilen: Der kleinste Teil zeigt den Alltag der einfachen Leute. Ein größerer Teil kanalisiert die Wut und Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ihrer politischen Führung. Wieder andere greifen aktuelle Ängste und Probleme auf und der überwiegende Teil befasst sich mit politischen Themen, die in ihrer Aufmachung häufig einem Lehrbuch linksideologischer Propaganda entstammen könnten.

In Orgosolo findet sich offensichtlich für jedes Thema ein Künstler, sogar für die RAF.

Es ist kaum zu glauben, doch auch dies gibt es in Orgosolo noch. Oder handelt es sich hier um die Vorbereitung eines neuen Wandgemäldes?

Eines jedenfalls ist sicher, einen Besuch in Orgosolo sollte man bei einer Sardinienreise unbedingt einplanen.

Durch den Gennargentu zum Supramonte

Tag 13 und 14 auf Sardinien

Auf Nebenstraßen und über kurvenreiche Pässe (ein wahres Königreich für Motorradfahrer) gelangten wir zu alten Dörfern, wie zum Beispiel Aritzo, dessen Häuser sich gekonnt an den Hang schmiegten.

Die Berge des Gennargentu sind größtenteils bewaldet. Steineiche und Esskastanie zählen zu den häufigsten Gehölzen. Die junge Schönheit auf der Hausfassade in Aritzo wurde also nicht ohne Grund in der lokalen Tracht und mit jeder Menge Maronen – sozusagen als Maronenkönigin – abgebildet.

Tradition im Wandel der Zeit!

Oberhalb der Baumgrenze sind die Bergkuppen nur noch mit niederer Macchia bedeckt oder völlig kahl. Ganze Bergrücken sind dann zu dieser Jahreszeit mit blühendem Affodill, einer Lilienart, überzogen. Wie ein cremefarbener Ozean wogten die Blütenähren an ihren langen Stengeln im Wind.

Nach einer Übernachtung nahe Orgosolo erkundeten wir am nächsten Vormittag dieses bekannte Widerstandsnest, dem ich einen gesonderten Beitrag widmen werde. Erst zur Mittagszeit erreichten wir das abgelegene Hochtal Valle Lannaitto.

Angesichts der hohen Temperaturen und der fortgeschrittenen Tageszeit, beschloss ich den Aufstieg zur Nuraghensiedlung am Monte Tiscali zu streichen, um nicht zu spät bei unserem nächsten Campground, einem Agriturismo-Betrieb nördlich von Dorgali anzukommen.

Su Nuraxi

Fährt man von Cagliari durchs Inselinnere nach Norden, kommt man bei Barumini an Su Nuraxi, der bedeutendsten Nuraghe Sardiniens, nicht vorbei. Die Anlage ist nur mit Führung zu besuchen und das ist gut so, denn was man dort auf der Basis neuester Forschungsergebnisse zu hören bekommt, steht teilweise in krassem Widerspruch zu dem, was man in Reiseführern und sonstigen Quellen zu lesen bekommt.

Die in der Bronzezeit (1500 vor Chr.) errichtete, burgähnliche Nuraghe, bestand im Kern aus einem zentralen, alles überragenden Turm, der von vier Haupttürmen umgeben war. Diese waren untereinander verbunden, so dass eine massive, in sich geschlossene Anlage entstand, die leicht zu verteidigen war. Die bis zu 3 Meter dicken Wände bestanden aus behauenen Steinen, die ohne Mörtel aufeinandergesetzt wurden. Die größten Steine hatten eine Masse von bis zu 3,5 Tonnen. Wie es in der damaligen Zeit gelang, derartige Felsklötze zu bewegen und zu bearbeiten ist bislang ungeklärt. Rund 700 Jahre später wurde diese Burg um einen Mauerring mit sieben Nebentürmen erweitert. Ungefähr zur selben Zeit entstand außerhalb der Burg ein Dorf mit ca. 200 Steinhäusern.

Auf Sardinien lassen sich rund 8000 Nuraghen nachwiesen. Deshalb wird heute davon ausgegangen, dass diese Burgen nicht zum Schutz vor äußeren Feinden errichtet wurden, sondern dass sich die nuraghische Bevölkerung untereinander nicht grün war.

Auch hat sich inzwischen die Meinung durchgesetzt, dass die Nuraghe von Su Nuraxi nicht durch Eroberung zerstört wurde, sondern dass die Anlage verlassen wurde, weil sich im Verlauf von 2000 Jahren die Lebensumstände der Nuragher so verändert hatten, dass dies Anlage den neuen Bedingungen nicht mehr entsprach.

Haus mit Wasserheiligtum. Brunnenverehrung war bei den Nuraghern üblich.

Treppenaufgang auf den zentralen Hauptturm mit Blick in die fruchtbare Ebene aus der sich der Kegelberg mit der Ruine desCastello di Marmilla erhebt.

Cagliari

Tag 12 auf Sardinien

Auf unserer Fahrt von der Costa Rei durch die Bergwelt der Barbagia Seulo erreichten wir am Abend Cagliari. Aus unserer Absicht, irgendwo bei einem Agriturismo-Betrieb zu übernachten war leider nichts geworden. Also mussten wir den nächstbesten Campingplatz anfahren. Zwischen Cagliari und seinem Vorort Quartu besteht eine schmale Landbrücke, welche die Salzmarschen vom offenen Meer abtrennt. Hier liegt Cagliaris Filetstück, der kilometerlange Sandstrand Spiaggia di Quartu.

Beim Vorbeifahren passierten wir die zu dieser Jahreszeit fast leere Parkzone zwischen Straße und Strand. Als wir dort einzelne Wohnmobile stehen sahen beschlossen wir spontan hier zu übernachten. Für alle Wohnmobillisten sei ausdrücklich festgehalten: Außerhalb der Saison ist dies ein absoluter Geheimtipp. Zum Strand hat man nur die Erschließungsstraße zu queren. Dort finden sich Strandduschen, WCs und natürlich auch die eine oder andere Strandbar. Und obendrein bekommt man die abendliche Show auf der kerzengeraden „Uferpromenade“ kostenlos geliefert. Hier tummeln sich Spaziergänger, Sportler, selbsternannte Models und Schaulustige – wie wir. Sehen und gesehen werden ist hier das Motto. Italienischer geht es wirklich nicht.

Auf der Uferpromenade ist alles geregelt und das Erstaunliche, fast alle halten sich daran.

Am andern Morgen ging es mit der städtischen Müllabfuhr weiter. Als die meinen Fotoapparat sahen, bestanden sie gut gelaunt auf ein Foto. Gerne doch!

Von hier zum Zentrum Cagliaris sind es nur wenige Kilometer. Eine bessere Ausgangsbasis für einen Besuch der Stadt hätten wir nicht finden können. Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen, doch sei hier kurz erwähnt, dass die Gründung der Stadt auf die Phönizier zurückgeht. Wie ganz Sardinien blickt auch seine Hauptstadt auf eine wechselhafte Geschichte zurück. Die Stadt erlebte als Handelszentrum mehrere Höhen und Tiefen. Der Kern der mittelalterlichen Altstadt liegt auf dem schroff abfallenden Castello Hügel, der im 13. Jahrhundert unter Pisas Herrschaft mit umfangreichen Befestigungsanlagen gesichert wurde. Davon zeugen heute noch mächtige Türme und Tore. Inzwischen hat sich die Stadt in der Ebene ausgebreitet. Hässliche Vororte und Industriegebiete laden nicht gerade zu einem Besuch des Stadtzentrums ein, das durchaus sehenswerte Gebäude, Gassen und Plätze aufzuweisen hat. Dennoch, nur wegen Cagliari muss man nicht nach Sardinien gefahren sein.

Vom zentral gelegenen Parkplatz am Hafen muss man zuerst diesen Fußgängerüberweg überwinden, wozu beinahe schon eine alpine Grundausbildung erforderlich ist, um sich nicht den Hals zu brechen. Dafür steht man dann auf der Nordseite der Via Roma, die auf einigen hundert Metern Länge mit noblen Läden und Restaurants unter Arkaden aufwartet.

Dahinter liegt das Hafenviertel, das mit seinen engen Gassen und kleinen Plätzen zum Bummeln einlädt.

Von der Via Roma zweigt Cagliaris baumbestandene Prachtstraße Largo Carlo Felice ab. Sie zieht in direkter Linie bergwärts und endet unterhalb des Castello auf der Piazza Yenne. Die klassizistischen Palazzi mit ihren Balkönchen und den schmiedeeisernen Brüstungen sind beeindruckend. Doch sobald man die Hauptstraßen verlässt, wird die Bausubstanz schlecht und ist nicht selten sanierungsbedürftig.

Über der Piazza Yenne erhebt sich der Torre del Elefante und die Universität.

Von der Piazza Yenne aus erschließt sich über Treppen und Gassen das Castelloviertel und die Bastione di San Remy. An der Porta dei due Leoni angekommen, sollte man die herrlichen Ausblicke auf die Stadt, den Hafen und das Meer genießen.

Nach der Stadtbesichtigung verließen wir Cagliari auf der Ausfallstraße nach Westen. Unglaublich wie viele Flamingos hier in den Salzlagunen leben. Sie scheinen von der sie umgebenden petrochemischen Industrie völlig unbeeindruckt zu sein. Die Flamingos sind aus dem Stadtbild Cagliaris nicht wegzudenken.