„Zeichen der Erinnerung“
Heute vor 81 Jahren verließ der erste Deportationszug mit jüdischen Mitbürgern den Nordbahnhof in Stuttgart.
Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof erinnert an die Deportationszüge, die während der NS-Zeit zwischen 1941 und 1944 von diesem Ort ausgingen. Mehr als 2600 Jüdinnen und Juden aus Stuttgart, Württemberg und Hohenzollern wurden von hier aus in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Fast alle diese Menschen wurden bis zum Ende des 2. Weltkrieg 1945 ermordet.

Die Gedenkstätte wurde von den Architekten Ole und Anne-Christin Saß geplant und mit Hilfe des hierzu gegründeten Vereins Zeichen der Erinnerung e. V. verwirklicht. Da der Ort der Deportation im Zusammenhang mit Stuttgart 21 überbaut werden sollte, entstand die Initiative, die Gleise als Erinnerungsstätte zu bewahren.

Es handelt sich um ein altes Güterbahngelände am inneren Nordbahnhof, auf dem noch heute die ursprünglichen Schienen und Prellböcke zu sehen sind. Die fünf Gleise werden von einer 70 Meter langen Mauer begrenzt, auf der die Namen der über 2600 von der Stuttgarter Gestapodienststelle deportierten jüdischen Einwohner der Region Stuttgart sowie von Sinti aus ganz Südwestdeutschland zu lesen sind.

Am 14. Juni 2006 wurde die Gedenkstätte offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Der Architekt Ostertag, Vorstandsmitglied im Verein „Zeichen der Erinnerung“, sagte über die Gedenkstätte: „Wir werden uns fragen lassen müssen, warum wir mehr als 64 Jahre brauchten, um uns hier der Vergangenheit zu stellen.“
Die Ausführungen des Historikers Martin Ulmer zum 80. Jahrestag der ersten Deportation aus Stuttgart am 1.12.1941 zeigen in erschreckender Weise wie die Gesellschaft in ganzer Breite an der Judenverfolgung beteiligt war. Die systematische Verschleppung aus den Dörfern, Städten und Landkreisen Württembergs und Hohenzollerns war nur möglich, weil ein ganzes Netz an Beteiligten aus Verwaltung, Sicherheitsbehörden und anderen Institutionen tatkräftig mithalf. An der anschließenden „Verwertung“ der zurückgelassenen jüdischen Vermögen, ein staatlich organisierter Diebstahl riesiger Dimension, waren die örtlichen Finanzämter und Banken beteiligt. Was nicht beschlagnahmt wurde, versteigerte man öffentlich. Von den einzelnen Existenzen blieb nur der Vermerk der örtlichen Postämter übrig: „Auf unbekannt verzogen“. Friedemann Rinke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg weist auf einen besonders beschämenden Umstand hin: Nach 1945 sei jedoch konkret wegen der Deportationen aus Württemberg und Hohenzollern keiner der Täter strafrechtlich belangt worden. Aufgrund der Teilnahme an diesen Verschleppungen gab es auch von den späteren Entnazifizierungsverfahren nichts zu befürchten: Nach einer Phase der Internierung wurden 1950 alle aus der Stuttgarter Gestapozentrale, dem Hotel Silber, an den Deportationen Beteiligten freigesprochen“.
Und heute? Heute ist es nicht zu fassen, welche Töne in Deutschland wieder angeschlagen werden. Wir dürfen hier keinesfalls weghören.
