Schwörsonntag

Bereits in meinem letzten Beitrag habe ich auf die Verfassung der Freien Reichsstadt Reutlingen aus dem Jahre 1374 verwiesen. Der jährlichen Schwörwoche kam darin eine zentrale Bedeutung zu. Über 400 Jahre lang (bis 1802) ging diese am 2. Sonntag nach dem 4. Juli mit der Wahl der Bürgermeister zu Ende. Während andernorts noch Leibeigenschaft herrschte, zeichnete sich die durch Zünfte organisierte Bürgerschaft der Freien Reichsstädte durch erste demokratische Strukturen aus. So gesehen war die Verfassung der Freien Reichsstädte fortschrittlich. Vom heutigen Demokratieverständnis war man jedoch noch weit entfernt, denn nur jene Bürger hatten das Wahlrecht, die in einer der 12 Zünfte organisiert waren. Dies traf nur auf 1/7 der Bewohner Reutlingens zu. Frauen gehörten nicht dazu.

Nach dem Festgottesdienst verließen zuerst die Fahnenträger die Kirche. Allen voran die heutige Fahne der Stadt Reutlingen und die der Winzergenossenschaft. Das Tragen der schweren Fahnen erfordert Kraft und Geschicklichkeit. Manchmal war auch Hilfe notwendig bis sich alle auf der Wilhelmstraße zum Festzug aufgestellt hatten.

An der Spitze des Festzuges, hinter dem aktuellen Reutlinger Stadtwappen, folgte der Doppeladler auf gelbem Grund, die Fahne der alten Freien Reichsstadt Reutlingen. Dahinter hatte sich die Stadtkapelle positioniert. Mit dem Einsetzen ihrer Musik setzte sich der Festzug in Bewegung.

Sehen und gesehen werden war dabei nicht nur für den OB Thomas Keck eine Option.

Mit Tschingderassabum ging es zum einstigen Schwörhof. Dort fand das Festprogramm mit der Schwörtagsrede und dem Eid des Oberbürgermeisters seinen Höhepunkt. Dabei sorgte die Beflaggung an der Fassade des Friedrich-List-Gymnasiums für die heutige politische Einordnung.

Der Reutlinger Schwörtag zählt zusammen mit jenem in Esslingen und Ulm zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO.

Turmbläser geben das Startsignal

Die Stadt Reutlingen beging am Sonntag, 14. Juli 2024, den Schwörtag. Dieser geht auf die Verfassung der Freien Reichsstädte aus dem Jahre 1374 zurück. Darin war geregelt, dass die Bürger jährlich die Bürgermeister, den Senat, den Magistrat und die Amtsträger der Zünfte im Rahmen der Schwörwoche wählen. Am abschließenden Schwörtag wurde die neue Stadtregierung vereidigt und – man beachte – auch die Bürger wurden auf die neue Regierung eingeschworen.

Den Startschuss für diesen zünftisch-demokratischen Festtag gaben die Turmbläser. Diese schmetterten morgens vor dem Gottesdienst ihre Choräle vom Turm der Marienkirche über die Dächer der ehemaligen Freien Reichsstadt.

An diesem sonnigen Sommermorgen waren die vier Trompeter und Posaunisten für ihren Auftritt in luftiger Höhe fast zu beneiden, denn wer den 71 m hohen Turm der Marienkirche bestiegen hatte, war mit einer fantastischen Aussicht über die Stadt belohnt worden.

Der Blick vom oberen Turmumgang hinab auf die Bläser und die Wilhelmstraße.

Auf der anderen Seite des Turmes schaut man auf den Kirchenbrunnen und den Beach am Weibermarkt.

Der Kirchenbrunnen wird von der Statue des Stauferkaisers Friedrich II. beherrscht, der die Stadterhebungsurkunde in Händen hält.