Die Landungsstrände 1

Mai 2024

Der heutige Tag stand ganz im Zeichen des D-Day und der Operation Overlord. Entlang der Cote de Nacre besuchten wir von Quistreham bis Omaha Beach einige uns wichtige Gedenkorte.

Ich hatte mir zwar vorgenommen, mich mit Zahlen zurückzuhalten, doch ganz ohne geht es dann doch nicht, wenn man die Dimension der alliierten Landung auch nur erahnen möchte. Am D-Day, dem ersten Tag der Invasion an der normannischen Küste, wurden 3 amerikanische, 2 britische und 1 kanadisch Divisionen, zusammen ca. 170 000 Soldaten samt Gerätschaften und Fahrzeugen angelandet. Unter der ersten Landungswelle gab es die meisten Gefallenen. Es gab Einheiten bei denen kaum die Hälfte die erste Stunde überlebte. Insgesamt werden die Verluste der Alliierten für den ersten Tag mit 10 000 Mann beziffert. Dass die Verluste nicht noch höher ausfielen war der Fehleinschätzung der deutschen Obersten Heeresleitung zu verdanken, die noch am zweiten Tag nach der Offensive von einem Scheinangriff ausging. Doch möchte ich hier nicht weiter auf die Kampfhandlungen eingehen. Wer sich dafür interessiert, findet genügend Literatur.

Am Sword Beach, dem östlichen der beiden englischen Landungsstrände, besuchten wir das Denkmal des schottischen Dudelsackspielers Bill Millin, der während der Landung die Befehle seines schottischen Vorgesetzten blies.

Im Strandabschnitt dazwischen, dem Juno Beach, landete eine kanadische Division. Die Abwehr der Deutschen war hier besonders heftig, so dass die Kanadier mit die höchsten Verluste an diesem Tag zu beklagen hatten. Dennoch waren sie es, die als einzige bis ins Hinterland vorstießen und die gesetzten Tagesziele erreichten.

Wir besuchten den Soldatenfriedhof „Ryes War Cemetery“ nahe der Ortschaft Brazenville. Hier sind 653 Commonwealth Soldaten, ein polnischer Soldat und 335 deutsche Soldaten begraben. Der Friedhof wird von der Commonwealth War Graves Commission betreut und stellt eine Besonderheit dar, denn auf den meisten Soldatenfriedhöfen der Umgebung liegen Gefallene einer Nationalität. Insgesamt wurden auf Soldatenfriedhöfen im Umfeld der Landungsstrände 32 807 Alliierte und 77 866 Deutsche bestattet.

Die Küstenbatterie bei Longues-sur-Mer war unser nächstes Ziel. Die Batterie gehörte zu Rommels Atlantikwall und war eine bedeutende deutsche Abwehrstellung. Vier 150 mm-Geschütze konnten fast den gesamten Landungsbereich überstreichen. Sie wurden von einem vorgezogenen Kommandostand dirigiert. Flugabwehrgeschütze dienten dem Schutz der Batterie. Mehrere derartige Batterien waren entlang der Küste so platziert, dass sich ihre Schussfelder überdeckten. Diese Abwehrstellungen auszuschalten hatte für die Alliierten oberste Priorität, denn nur wenn dies gelang, konnte der weitere Nachschub relativ verlustfrei angelandet werden.

Wohl als Vorbereitung auf den Jahrestag besuchte auch eine französische Schulklasse die deutsche Abwehrstellung. Die Klasse war sehr diszipliniert und dennoch gewann ich den Eindruck, als ob für diese jungen SchülerInnen das Ganze eher dem Besuch auf einem Abendheuerspielplatz glich, als dass es dem Geschichtsverständnis diente. Denn dieses dürfte den meisten Jugendlichen dieses Alters abgehen.

Eine weitere Beobachtung hat mich irritiert. An der Zugangsstraße parkte eine vermeintlich restaurierte Seitenwagenmaschine aus Kriegstagen. Dem Aufdruck nach zu urteilen, handelte es sich um ein Mietfahrzeug. Offensichtlich kann man solche Fahrzeuge nebst Militärklamotten mieten, um damit die „Straße der Befreiung“ abzufahren. Jetzt erst konnte ich ein Graffiti einordnen, das ich Stunden zuvor am Straßenrand gelesen hatte „Krieg ist keine Show“. Schon länger sahen wir Männer in Uniformen mit Jeeps in Originallackierung aus Kriegstagen über die Straßen patroulieren. Ist das die Erinnerungskultur die wir brauchen? Es ist mir völlig unverständlich, was in der Birne solcher Typen abgeht. Ich empfinde dieses Theater als absolute Respektlosigkeit gegenüber den Gefallenen.

Einstimmung auf den D-Day

Mai 2024

Wer die Normandie besucht, muss sich mit der Geschichte des zweiten Weltkrieges und der Rolle der Deutschen als Besatzungsmacht in Frankreich auseinandersetzen. Dies gilt natürlich in besonderer Weise für die Region der Landungsstrände an der Cote Nacre und deren Hinterland. Hier ist die Erinnerung an den D-Day (06. Juni 1944) vor 80 Jahren mit dem die Operation Overlord begann, auf Schritt und Tritt präsent. Unzählige Museen, Denkmäler, zerstörte Stellungen und mehrere Soldatenfriedhöfe nehmen sich dieser Vergangenheit an.

Ende Mai 2024, im Vorfeld des 80. Jahrestages des D-Days sind die meisten Häuser mit der Trikolore und den Fahnen der Alliierten geschmückt, Schulklassen besuchen einschlägige Sehenswürdigkeiten und Unmengen von Plakaten weisen auf entsprechende Feierlichkeiten und Feste anlässlich der Befreiung von Nazi-Deutschland hin.

Wir stellten uns in Caen auf dieser Reise erstmals konkret diesem Thema. Caen ist mit über 100 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Normandie und Sitz der Präfektur Calvados. Mit dem Mémorial de Caen, „einem Museum der Geschichte für den Frieden“, so das Tourismusbüro, soll an die Schlacht um die Normandie erinnert werden. Die Aufarbeitung des Themas ist hier also breit angelegt und beschränkt sich nicht auf die Darstellung des D-Days.

Es stellt sich die Frage, wie es einem an solchen Orten als Deutschem geht. Kann man sich da in seiner Haut wohl fühlen? Diese Frage lässt sich sicher nur situativ und für jeden persönlich beantworten. Grundsätzlich aber ist sie zu bejahen, denn die Geschichte ist wechselhaft. Wer heute seine Interessen mit militärischen Mitteln durchsetzt, kann morgen schon deren Opfer sein. Leider hebt unsere Geschichtsschreibung viel zu wenig darauf ab. Vielmehr ist sie oft eine Geschichtsschreibung der Sieger und neigt damit zur Heroisierung. So trägt sie wenig zur Friedensstiftung bei. Wir erfahren es aktuell: Das Ende des zweiten Weltkrieges hat uns in Mitteleuropa zwar nahezu 80 Jahre Frieden und Freiheit geschenkt, aber zugleich einen Ost-West-Konflikt beschert, der gerade wieder an Dynamik und Zerstörungskraft gewonnen hat.

Caen ist ein guter Ort, um sich mit dieser Art der Geschichtsschreibung auseinanderzusetzen, denn hier herrschte Wilhelm der Eroberer ab 1035 als Herzog der Normandie und von 1066 bis 1087 nach erfolgreichem Feldzug auch als König von England. Ein kurzes Intermezzo.

Die Abbey of Sainte Trinité, war ein zweites Tagesziel. Die Abtei aus dem 11. Jahrhundert wurde von der Königin Mathilde, der Frau von Wilhelm dem Eroberer, gegründet. Dort fand sie auch ihre letzte Ruhestätte. In den Räumlichkeiten der Abtei gibt es immer wieder Ausstellungen zu bestaunen. Aktuell wurde durch Objekte und Installationen an die Landung der Amerikaner in Sizilien 1943 erinnert und an die Idee der Freiheit, die davon ausging. Dabei wird auch darauf verwiesen, welche Bedeutung diese Landung für die Vorbereitung der Operation Overlord hatte. Nachfolgend: Friedenstauben im Treppenaufgang, die symbolisch für den sich ausbreitenden Freiheitsgedanken stehen.