Karnien und der Reiseführer

Reisewarnung! Das ist kein Beitrag für Überflieger. Die blättern besser schnell weiter.

Karnien? Noch nie gehört!

Kein Wunder, denn an der im Nordwesten von Friaul (Italien) liegenden Region, gehen und gingen die in Richtung Adria eilenden Touristenströme glücklicherweise vorbei. So konnte sich in den entlegenen Tälern der schroffen Bergwelt eine Ursprünglichkeit bewahren, wie man sie sonst nur selten findet.

Natürlich herrscht auch hier Landflucht vor. Häuser stehen leer. Aber es gibt auch immer wieder Zuzug. Menschen, die kommen, um die alten Steinhäuser mit viel Fingerspitzengefühl zu renovieren.

Bei der Vorbereitung auf diese Reise stieß ich in meinem Bücherregal auf einen Reiseführer, den ich bereits vor Jahrzehnten gekauft hatte. Aus der Reihe „Richtig reisen“: Friaul.Triest.Venetien von Eva Bakos. 4. Auflage, Köln 1989. Warum ich das erzähle? Weil ich gar nicht mehr wusste, dass es einmal derart geniale Reiseführer gegeben hat. Nicht diese normierten, seelenlosen „Datenblätter“ von heute, wo eins dem anderen gleicht. Hier der Beginn eines Kapitels als Kostprobe:

„Karnien – Die Würde der Armut“

„Das ist eine fremde Welt. Streng und reserviert. Spartanisch und von einer Schönheit, die sehr nachdenklich macht. Karnien, …, bewahrt noch immer das Geheimnis seiner Symbiose von Mensch und Natur. Wohl gibt es Plätze, wo der Wintersport die Landschaft verwundet, die Häuser verdirbt. Aber noch überwiegen Mut und Demut des Menschen und nicht sein Übermut.

Karnien – das Wort beginnt karg und endet melodisch. Die Rauheit des Fels und die Wärme des Holzes sind in die Häuser dieser Region gekrochen. Von Menschen eingefangen, die im Sturm und in der Stille leben lernten, …“

Wo gibt es heute noch solche Reiseführer, die versuchen die Seele einer Region und der dort lebenden Menschen zu erfassen? Schade eigentlich.

Die Bilder wurden alle in Pesariis aufgenommen.

Von Südtirol nach Karnien

Vom Pragser Wildsee wählten wir die Route über Toblach, Sexten und den Kreuzbergpass nach Santo Stefano di Cadore. Am Kreuzbergpass fotografierte ich diese Sumpfdotterblumen, deren Bewuchs einen kleinen Bachlauf ausufernd begleiteten.

S. Stefano di Cadore liegt bereits in Venetien. Bei meinem kurzen Rundgang durch die 2000-Seelen-Gemeinde fiel mir gleich ein typisch italienisches Merkmale ins Auge, das nicht nur städtebaulich zum Tragen kommt. So befinden sich die Kirche und das Rathaus in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft am vergleichsweise großen Marktplatz. Auf den zweiten Blick ist nicht zu übersehen, dass wohl weder in der Kirchengemeinde noch bei der Kommune die Kassen prall gefüllt sind.

Beim ersten Hotel am Platze, dem Palazzo Cervesato, der der Kirche direkt gegenüber liegt, scheint es mit den Finanzen besser zu laufen. Die Fassade ist pikfein gerichtet und verweist auf die lange Tradition des Hauses. Voller Stolz erinnert ein großes Bildertableau an der Seitenfassade daran, dass die italienische Königin Regina Margherita von Savoyen in dieser Gaststätte abgestiegen ist, als sie 1881 S. Stefano d. C. besuchte. Noch heute kann man den „Queen Margherita Room“ buchen.

Doch im Städtchen überwiegen die profanen Bauten. Sie bringen zumindest Farbe in den ansonsten grauen Tag.

Von S. Stefano aus erschließen sich ostwärts die abgelegenen Täler der Karnischen Alpen. In vielen Ortschaften, wie hier in Cima Sappada, trifft man noch auf alte Bergbauernhöfe, die es wenigstens als Ferienhäuser in die Gegenwart geschafft haben. Auch alte Bräuche werden hier noch gepflegt.

Ob dies die Vorbereitungen zum Feuerlegen oder für eine Löschübung sind, lässt sich schwer sagen, aber der „Borgo“ wird´s schon richten.

Pragser Wildsee

Der Pragser Wildsee ist einer jener Bergseen von denen die Einheimischen behaupten, dass er der schönste im ganzen Alpenraum sei. Zutreffend ist, dass es sich um einen Bergsee in herrlicher Lage handelt, der tunlichst nur außerhalb der Saison besucht werden sollte.

Eine Bootsfahrt auf dem Bergsee ist nicht nur bei Brautpaaren begehrt. Diese stehen am Bootsverleih bereits vor 8 Uhr am Morgen bereit und warten auf ihr reserviertes Zeitfenster für das ultimative Fotoshooting. Ob Amerikaner, Asiaten oder Europäer, es werden keine Kosten gescheut, um in den Hafen der Ehe einzulaufen. Wer aber an einem wärmenden Umhang für die Braut gespart hat, startet zitternd ins Eheglück.

Der Pragser Wildsee liegt auf knapp 1500 m Höhe. Der spektakuläre Blick über den See wird vom gewaltigen Massiv des Seekofels beherrscht, der in der Südtiroler Sagenwelt das Tor zur Unterwelt markiert. Das aus vier einzelnen Hochformatbildern zusammengesetzte Panorama vermittelt die beeindruckende Lage dieses vielgerühmten Bergsees.

Martinauer Au

Unser erstes Zwischenziel auf dem Weg in den Süden war Vorderhornbach im österreichischen Lechtal. Dort wo sich der „letzte Wildfluss“ des nördlichen Alpenraums immer wieder in sein eigenes Schotterbett eingräbt, hat sich eine artenreiche Auenlandschaft herausgebildet, die im „Naturpark Tiroler Lech“ geschützt wird.

In unmittelbarer Nähe des Campingplatzes in Vorderhornbach liegt die Martinauer Au, das größte Frauenschuhgebiet Europas.

Auf einer Fläche von rund 2,5 ha können dort von Mitte Mai bis Mitte Juni 2000 – 3000 der geschützten Frauenschuhpflanzen in ihrer Blüte bestaunt werden. Das Gelände wird während der Blütezeit von der Bergwacht kontrolliert, die vor Ort auch einen Informationsstand unterhält.

Schon gewusst? Eine Pflanze kann bis zu 30 Jahre alt werden. Die winzigen Samen werden durch den Wind verbreitet, benötigen aber zum Keimen einen im Boden lebenden Pilz.

Die Kaiserstadt

Tangermünde wurde auf einer Endmoräne über dem linken Elbufer hochwassersicher erbaut. Die erste urkundliche Erwähnung der Stadt geht auf das Jahr 1275 zurück. Doch bereits um 1000 existierte dort eine Burganlage. In den Jahren 1373 bis 1378 war Tangermünde Zweitsitz von Kaiser Karl IV. Deshalb schmückt man sich heute mit dem Prädikat Kaiserstadt.

Das Neustädter Tor zählt zu den schönsten mittelalterlichen Toranlagen Norddeutschlands und verkörpert einiges an Geschichte. Der rechte, eckige Turm wurde um 1300 erbaut während der Rundturm links und der Mittelbau erst 1450 errichtet wurden. Die Wappen über der Durchfahrt wurden erst 1897 angebracht und zeigen unter anderem in der Mitte den Tangermünder Adler und ganz rechts den Brandenburgischen Adler.

Seine Blütezeit hatte Tangermünde im 15. Jahrhundert als Hansestadt. Aus dieser Zeit stammt auch das Rathaus, ein Prunkstück norddeutscher Backsteingotik. Die Bedeutung der Stadt schwand, als die brandenburgischen Kurfürsten ihrer Residenz nach Berlin verlegten.

Ein Großfeuer zerstörte 1617 die Stadt. Danach wurde sie mit prächtigen Fachwerkhäusern neu errichtet. Da im 2. Weltkrieg in Tangermünde nur wenig zerstört wurde, blieb das geschlossene Stadtbild bis heute erhalten. Zwar litt die Bausubstanz während der DDR-Zeit erheblich, doch nach der Wende erfolgte die Sanierung.

Grete Minde: Teodor Fontane machte mit seiner gleichnamigen Novelle unvergessen, wie Menschen am Rande der Gesellschaft zu Sündenböcken gemacht und mit unglaublicher Grausamkeit verfolgt werden. Wenn dann noch ein Erbefall im Spiel ist, sind alle Zutaten für kriminelle Machenschaften gegeben. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert.

Grete Minde wurde für den Stadtbrand von 1617 verantwortlich gemacht, obgleich sie nachweislich unschuldig war. Nach einem Foltergeständnis endete sie zwei Jahre später auf dem Scheiterhaufen.

Am Meer

Die Saison ist gelaufen, der Bademeister – Bagnino – hat bereits den Sonnenschirm geschlossen, doch das Meer bei Castiglione della Pescaia lädt mit angenehmen Temperaturen noch immer zum Bad.

Monteriggioni

Schon mehrfach fuhren wir auf der Schnellstraße nach Siena an der beeindruckenden Kulisse von Monteriggioni vorbei, diesmal wollten wir die mittelalterliche Burganlage endlich besichtigen.

Obiges Bild hatte ich bereits am Vorabend aufgenommen. Als ich die Anlage am Morgen betrat, waberte noch der Nebel über die Dächer, doch bald schon setzt sich die Sonne durch und sorgte für einen ungetrübten Blick.

Siena errichtete diese Befestigungsanlage von 1213 bis 1219 als vorgeschobenen Beobachtungsposten, um die Grenze zur Republik Florenz besser im Blick zu behalten. In der Folgezeit kam es zwischen den Stadtstaaten wiederholt zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die kreisförmige Befestigungsanlage mit einem Durchmesser von 172 m umschließt den historischen Stadtkern. Heute sind noch 11 von 14 Wehrtürmen der Stadtmauer nahezu vollständig erhalten und verleihen der Anlage ihr charakteristisches Erscheinungsbild.

Die Bebauung im Innern wird von der Kirche Santa Maria Assunta beherrscht, die nach Fertigstellung der Befestigungsanlage am Marktplatz errichtet wurde. Im Haus daneben ist ein Museum untergebracht. Alle anderen Gebäude werden als Läden oder Kneipen genutzt, etwas anderes ist auch kaum zu erwarten.

Via Chiantigiana

Die Via Chiantigiana bietet immer wieder schöne Ausblicke über die alte Kulturlandschaft des Chianti. Doch nicht nur Weinberge, auch Olivenhaine und Zypressenalleen gehören zum Landschaftsbild.

Zur Mittagszeit passierten wir Panzano. Gerade noch rechtzeitig realisierten wir den Menschenauflauf am Fahrbahnrand. Dort hatte sich bei einem kleinen Parkplatz der Cecchini Panini Truck aufgestellt.

Der von einer ortsansässigen Metzgerei betriebene fahrbare Grilltruck ist in dieser Region offensichtliche eine Institution, denn er hat es bereits zu einem Eintrag in Google Maps geschafft und abgesehen davon sprachen die Menschen, die in Scharen hier zum Mittagessen einfielen, Bände. Panini mit diversen Fleischvariationen, Grünfutter und verschiedenen Soßen gab es im Angebot und natürlich Chianti. Kurz entschlossen nutzten wir den letzten freien Parkplatz, denn der Futterneid war geweckt. Unser Fazit: absolut empfehlenswert.

Wenige Kilometer weiter, in Castellina in Chianti, legten wir den nächsten Stopp ein. Die Bebauung erstreckt sich entlang eines Bergrückens. Der kleine Platz vor der Chiesa di San Salvatore ist das Beste was das Örtchen zu bieten hat, danach beginnt eine austauschbare Touristenmeile auf die man verzichten kann.

Auf einem empfehlenswerten Stellplatz in Monteriggioni checkten wir für die Nacht ein. Die Besichtigung der Burganlage hatten wir uns für den nächsten Tag vorgenommen.